19. Oktober 2018

Energiewende: Vielfältige Meinungen

Um die selbstgesteckten Klimaziele hierzulande doch noch zu erreichen, muss sich einiges ändern. Ein Streitgespräch.

Deutschland wird sein selbstgestecktes Klimaschutzziel, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, nicht erreichen. Was können Verbraucher tun, um das zu ändern?

ADRIAN WILLIG: Viele Verbraucher sind bereits für die Themen Energiesparen und Klimaschutz sensibilisiert. Jeder, der seine Heizung modernisiert, leistet hier einen wichtigen Beitrag.

MELANIE SOMMER: Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Denn wir vergessen oft: Menschen  verhalten sich meist unvernünftig. Wir wissen, was gut und richtig ist, und dennoch machen wir häufig das Gegenteil. Wir treiben zu wenig Sport, ernähren uns nicht gesund genug und verbringen zu viel Zeit online. Das gilt auch für das Energiesparen. Wir sind so, weil wir in Wirklichkeit zwei Seiten haben. Das SELBST, das emotional und uns weitgehend unbewusst ist, bestimmt unser Verhalten. Damit wir nicht zu  unvernünftig handeln, ist unser ICH, die Ratio, der Controller unseres Verhaltens. Die Vernunft ist somit nicht verhaltensentscheidend und das erklärt, warum wir mit Argumenten das Verhalten nicht ändern werden.

THOMAS ENGELKE: Verhaltensänderungen brauchen Zeit. Gleichzeitig sehe ich, dass die  Verbraucherinnen und Verbraucher die Energiewende wirklich wollen. Im Jahr 2017 gaben 82 Prozent der befragten Verbraucher an, die Ziele der Energiewende zu unterstützen: Ausstieg aus der Kernkraft, Ausbau der erneuerbaren Energien bei gleichzeitig weitgehendem Ausstieg aus den fossilen Energien. Und die Nachfrage nach Grünstrom ist tatsächlich hoch.

|1| Dr. Thomas Engelke, Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv); |2| Dr. Patrick Graichen, Agora Energiewende; |3| Melanie Sommer, RSG Marketing Research GmbH; |4| Adrian Willig, IWO.

Dann lassen Sie uns konkret auf den Gebäudesektor schauen, dem oft eine entscheidende Rolle bei der Energiewende zugeschrieben wird. Wie ist hier der aktuelle Stand?

PATRICK GRAICHEN: Verbraucher sollten bei allen langfristigen Investitionen darauf achten, ob diese in Zukunft noch in eine Welt mit immer weniger Treibhausgasemissionen passen. Investitionen in eine effiziente Nutzung von Energie werden sich langfristig immer auszahlen. Aktuell sind beispielsweise neue Ölheizungen wirtschaftlich noch interessant. Wir wissen aber, dass wir unseren Ölverbrauch bis 2030 halbieren müssen, um unsere Klimaschutzziele einzuhalten. Das kann dazu führen, dass Heizöl schon in wenigen Jahren überhaupt nicht mehr wirtschaftlich attraktiv ist. So wie in Frankreich, wo es inzwischen eine CO2-Steuer gibt, durch die der Heizölpreis jedes Jahr steigt.

WILLIG: Aber Fakt ist doch, dass für Hauseigentümer mit einer Ölheizung die Sanierung mit Öl-Brennwerttechnik meist der kostengünstigste Einstieg in die Energiewende ist: Die Treibhausgasemissionen sinken sofort und es entstehen gute Voraussetzungen, um erneuerbare Energien einzubinden. Langfristig eröffnen Öl-Brennwertheizungen durch die Nutzung zunehmend treibhausgasreduzierter Brennstoffe sogar eine klimaneutrale Perspektive.

ENGELKE: Aus meiner Sicht geht es im Gebäudebereich um den optimalen Maßnahmenmix. Verschiedene Verbrauchergruppen benötigen unterschiedliche Lösungen. Hier gehören Energieeffizienzmaßnahmen für die Gebäudehülle bei Neubauvorhaben und im Gebäudebestand genauso dazu wie die Verbesserung der Energieeffizienz von Heizungen – und eben auch die Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien wie Solar, Wind und Biomasse. Außerdem wird die Verwendung von Strom für die Wärmegewinnung in Gebäuden eine immer wichtigere Rolle spielen.

Was bringt Klimaschutz und Bezahlbarkeit besser zusammen: eine reine Elektrifizierung oder Technologieoffenheit?

WILLIG: Definitiv Letzteres. Die 2018 veröffentlichte Leitstudie der Deutschen Energie-Agentur zeigt: Ein breiter Energiemix ist deutlich günstiger als Szenarien, die einen hohen Grad an Elektrifizierung vorsehen. Wir brauchen einen Wettbewerb um die besten Lösungen. 

GRAICHEN: Ich bin der Meinung, dass, wo immer es wirtschaftlich und technisch geht, Strom möglichst direkt verwendet werden sollte – sei es zum Heizen oder auch im Verkehr. Denn das ist der effizienteste Weg. Allerdings wird es auch immer Fälle geben, wo das nicht möglich ist. Hier können und sollten wir aus Strom produzierte Treibstoffe wie Wasserstoff, Methan oder Methanol nutzen.

Zu den Personen

  • Dr. Thomas Engelke leitet das Team Energie und Bauen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) in Berlin. Als Dachverband der 16 Verbraucherzentralen der Länder und 25 weiterer verbraucherpolitischer Verbände bündelt der vzbv die Kräfte für einenstarken Verbraucherschutz.
  • Dr. Patrick Graichen ist seit Januar 2014 Direktor von Agora Energiewende. Ziel des Thinktanks ist es,belastbare und politisch umsetzbare Wege zu entwickeln, wie sich die Energiesysteme in Deutschland in Richtung sauberer Energie transformieren lassen.
  • Melanie Sommer Die Diplom-Psychologin verantwortet seit 2010 als Geschäftsführerin die RSG Marketing Research GmbH mit Sitz Düsseldorf. Das Unternehmen hat sich auf fundierte Marketingberatung auf der Basis empirischer Forschung spezialisiert.
  • Adrian Willig ist Diplom-Ingenieur und seit 2014 Geschäftsführer des Instituts für Wärme und Oeltechnik e. V. (IWO). Das IWO setzt sich für pragmatische und bezahlbare Lösungen zur erfolgreichen Umsetzung der Energiewende ein.

Welche Rolle können zunehmend treibhausgasneutrale Kraft- und Brennstoffe aus Ihrer Sicht in Zukunft  spielen?

ENGELKE: Synthetische Brenn- und Kraftstoffe sollten definitiv berücksichtigt werden, wenn sie zum Beispiel importiert oder aus Überschussstrom hergestellt werden können.

WILLIG: Dem kann ich nur zustimmen. Ein künftiger Energiemix, der diese Kraft- und Brennstoffe mit einschließt, ist ein robuster Weg zu mehr Klimaschutz. Wenn zum Beispiel die Steigerung der Modernisierungsquoten im Gebäudebereich ins Stocken gerät, könnten mit weitgehend treibhausgasneutralen Brennstoffen die CO2-Minderungsziele dennoch erreicht werden. Zunehmend treibhausgasneutrale flüssige Kraft- und Brennstoffe wären in den heute verfügbaren Effizienztechnologien wie der Brennwerttechnik oder in Verbrennungsmotoren ohne aufwendige Umrüstungen einsetzbar. Das erhöht die Chance auf eine breite Akzeptanz der Energiewende bei den Verbrauchern: Klimaschutz wird möglich, ohne Versorgungswege und Anwendungstechnik kostenintensiv umbauen zu müssen.

GRAICHEN: Ich sehe das Ganze kritischer. Für mich sind strombasierte Kraft- und Brennstoffe wie ein Joker im Kartenspiel – äußerst nützlich, weil vielseitig einsetzbar, aber gleichzeitig nur begrenzt verfügbar. Das liegt an den großen Umwandlungsverlusten auf dem Weg vom Strom zu Gas oder zum flüssigen  Brennstoff. Gleichzeitig werden wir beides brauchen. Dafür müssen wir heute an der schrittweisen Markteinführung arbeiten. Von alleine werden diese Technologien im großen Maßstab nicht zur Verfügung stehen.

An welchen Stellschrauben müsste noch gedreht werden, um das Engagement für den Klimaschutz attraktiver zu gestalten?

SOMMER: Das Ziel der Energiewende wird nur zu erreichen sein, wenn die soziale Akzeptanz, hierzu einen Beitrag zu leisten, deutlich steigt und ein emotionaler Nutzen damit verbunden ist. Menschen fahren zum Beispiel keine Elektroautos, wenn man dem ICH erzählt, dass es gut für das Klima ist. Beim Tesla sieht es dagegen anders aus: Hier geben Menschen gerne mehr Geld aus, um bewundert zu werden – und den Beitrag zur Energiewende erhalten sie quasi gratis dazu. Im Umkehrschluss gilt: Wenn die Gesellschaft Menschen „anprangert“, die keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten, dann erzeugt das emotionale Unlust.

ENGELKE: Das Zauberwort heißt „Teilhabe“. Möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern sollte es ermöglicht werden, an der Energiewende mitzuwirken – sei es durch eigene Stromerzeugung oder eine attraktive Tarifierung von erneuerbaren Energien in Form von Strom und Wärme. 

(Das Streitgespräch ist erschienen in der Beilage "Klimaschutz braucht Vielfalt" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 19. Oktober 2018.)

"Klimaschutz braucht Vielfalt"

Welche Rolle spielen flüssige Energieträger – insbesondere Kraft-und Brennstoffe auf Basis erneuerbarer Energien – für Klimaschutz und Energiewende? Dieser Frage widmet sich eine aktuelle Beilage der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 19. Oktober 2018, die IWO in Zusammenarbeit mit dem FAZ-Verlag erstellt hat. 

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