Erneuerbare Fuels brauchen mehr politische Unterstützung

Thomas Bareiß, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, sprach die Keynote. Foto: IWO

Handelsblatt Dialog „Regenerative Kraftstoffe“

E-Autos und Strom-Wärmepumpen allein werden das Klima nicht retten. Können regenerative Kraftstoffe zu einem wichtigen Baustein der Energiewende werden? Im Berliner „Handelsblatt Dialog“ haben Experten die Chancen dafür ausgelotet.

Welche Rolle können regenerative Kraft- und Brennstoffe bei der Energiewende spielen? In der Berliner Kalkscheune suchten Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft beim „Handelsblatt Dialog“ nach Antworten und fanden zumindest in einem Punkt rasch Einigkeit: Das E-Auto allein kann das Klima nicht retten. „Die Konzentration ausschließlich auf E-Mobilität sehe ich kritisch. Wir brauchen einen Technologiemix“, so Thomas Bareiß (CDU), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, in seiner Keynote.

Wie solch ein Mix aussehen könnte, umriss IWO-Geschäftsführer Adrian Willig. Da der grüne Strom aus Deutschland allein für die Energieversorgung auch künftig nicht ausreichen wird, spielten auch zunehmend klimaneutrale flüssige Kraft- und Brennstoffe aus anderen Ländern eine wichtige Rolle für die Erreichung der Klimaziele. Sie könnten aus verschiedenen regenerativen Quellen stammen und in Regionen mit besonders günstigen Produktionsbedingungen hergestellt werden. Zugleich müssten weitere Anstrengungen unternommen werden, mit Energie effizienter umzugehen. Dazu könnte beispielsweise im Gebäudebereich die steuerliche Förderung von Heizungserneuerungen beitragen.

Der Gebäudebereich steht auch im Fokus einer neuen Studie des Instituts für Technische Gebäudeausrüstung Dresden (ITG), die Professor Bert Oschatz vorstellte. Das ITG hat ermittelt, wie der ölbeheizte Gebäudebestand die Klimaziele bis 2050 Schritt für Schritt erreichen kann. Notwendig seien unter anderem deutliche Effizienzsteigerungen durch Gebäudedämmung und Heizungsmodernisierung sowie der Ausbau von Hybridsystemen, insbesondere in Form der Kombination von Brennwerttechnik mit Photovoltaik für die Wärme- und Stromversorgung des Hauses. Im Zeitraum nach 2030 werde für den verbliebenen Bedarf der Einsatz treibhausgasreduzierter flüssiger Energieträger immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Damit erneuerbare Kraft- und Brennstoffe künftig zum Erreichen der Klimaziele beitragen können, sei jetzt eine entsprechende Weichenstellung entscheidend, betonte Adrian Willig. „Von politischer Seite wünsche ich mir auch mehr Unterstützung bei der Markteinführung innovativer Technologien, wie zum Beispiel Power-to-X.“

Diesem Wunsch schloss sich Marc Grünewald von MAN Energy Solutions an. Die Technologien seien längst da, betonte er und verwies insbesondere auf die Bedeutung synthetischer Kraftstoffe für einen klimafreundlichen Gütertransport per Schiff. Diese sieht er als nahezu konkurrenzlos an, da große Frachtschiffe auch in Zukunft unmöglich per Batterie betrieben werden könnten. Nun gehe es darum, die bereits entwickelten Power-to-X-Technologien in den Markt zu bringen. „Dafür muss die Politik entsprechende Rahmenbedingungen schaffen“, so Grünewald. Der heutige Wettbewerbsvorsprung böte der deutschen Industrie dann neue Exportchancen und zukunftsfähige Arbeitsplätze.

Diskussionsrunde mit (von links): Adrian Willig, Nikolas Iwan, Ingrid Nestle, Anja Weisgerber, Marc Grünewald und Moderator Klaus Stratmann. Foto: Marc-Steffen Unger

Eine Forderung, die bei den anwesenden Politikerinnen durchaus auf Zustimmung stieß. So sprach sich Anja Weisgerber, Beauftragte für Klimaschutz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, explizit für eine stärkere Förderung von synthetischen Kraftstoffen aus. Wie die konkret aussehen soll, könnte im noch für 2019 geplanten Klimaschutzgesetz der Bundesregierung stehen, so Weisgerber. Auch die europäischen Rahmenbedingungen wie die „Renewable Energy Directive“ (RED II) oder die sogenannte Flottenregulierung im Straßenverkehr solle entsprechend weiterentwickelt werden.  

Ingrid Nestle, energiepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, plädierte grundsätzlich für eine direkte Nutzung von einheimischem erneuerbarem Strom. Für sie käme daher der Einsatz  synthetischer Kraftstoffe nur in wenigen Anwendungsbereichen, wie zum Beispiel im Flugverkehr, in Frage.

Für den verstärkten Einsatz von Wasserstoff im Mobilitätsbereich sprach sich Nikolas Iwan von H2 Mobility Deutschland aus. Seine Initiative, die am Aufbau eines Netzes von einigen hundert Wasserstofftankstellen hierzulande arbeitet, sieht er hier auf einem guten Weg.

Für Ruprecht Brandis, Director External Affairs bei BP Europa, ist es wichtig, dass die Politik neue Wege bei der Kraftstoffherstellung anerkennt, etwa den Einsatz grünen Wasserstoffs in Raffinerien. So müsse zum Beispiel die anstehende nationale Umsetzung der RED II schnellstens erfolgen. Eine  Herausforderung seien zudem die Vorschriften im Energiesektor. „Die alten Regulierungen passen nicht mehr zur neuen Energiewelt. Daher sind an vielen Stellen Änderungen notwendig. Leider zeigt die Politik noch nicht genügend Engagement, sich mit diesem Kleingedruckten zu beschäftigen. Das droht das Vorankommen in der Energie- und Klimapolitik ernsthaft zu behindern“, so der BP-Manager.

  • Rund 100 Besucher kamen zu der Veranstaltung in die Berliner Kalkscheune. Foto: Marc-Steffen Unger

  • Nikolas Iwan, Geschäftsführer von H2-Mobility, sprach sich für den verstärkten Einsatz von Wasserstoff im Verkehrssektor aus. Foto: IWO

  • Marc Grünewald, Vice President und Head of Business Development bei MAN Energy Solutions, verwies auf die Bedeutung synthetischer Kraftstoffe, zum Beispiel für einen klimafreundlichen Gütertransport per Schiff. Foto: IWO

  • Prof. Dr. Bert Oschatz, Geschäftsführer des ITG Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden, stellte eine aktuelle Studie vor, die aufzeigt, wie der Ölheizungsbestand in Deutschland die Klimaziele erreichen kann. Foto: IWO

  • IWO-Geschäftsführer Adrian Willig und Dr. Ruprecht Brandis, Director External Affairs BP Europa SE, im Doppel-Interview mit Moderator Klaus Stratmann vom Handelsblatt (von links). Foto: Marc-Steffen Unger

  • Adrian Willig sprach sich für eine steuerliche Förderung von energetischen Gebäudesanierungen und ein Markteinführungsprogramm für erneuerbare Kraft- und Brennstoffe aus. Foto: Marc-Steffen Unger

  • Dr. Ruprecht Brandis, hier mit Moderator Klau Stratmann (rechts), plädierte unter anderem für die Anerkennung des Einsatzes grünen Wasserstoffs in Raffinerien. Foto: IWO

  • Während der Panel-Diskussion: Dr. Ingrid Nestle, Energiepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, und Dr. Anja Weisgerber, Beauftragte für Klimaschutz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (von links). Foto: IWO
     

  • Diskutierten lebhaft: Adrian Willig, Nikolas Iwan, Dr. Ingrid Nestle und Dr. Anja Weisgerber (von links). Foto: IWO

  • Welche Rolle werden synthetische Brenn- und Kraftstoffe spielen? Dr. Anja Weisgerber, Marc Grünewald und Klaus Stratmann (von links). Foto: IWO

  • Im Austausch: Adrian Willig, Nikolas Iwan und Dr. Ingrid Nestle (von links). Foto: IWO

  • Die Dialogveranstaltung von Handelsblatt und IWO fand 2019 zum insgesamt dritten Mal statt. Foto: IWO

  • Foto: Marc-Steffen Unger